Späte Diagnose trotz lebenslanger Muster
Immer häufiger suchen Erwachsene fachliche Hilfe, weil sie sich seit Jahren erschöpft, unkonzentriert oder innerlich unruhig erleben. Viele berichten von dem Gefühl, dauerhaft hinter den eigenen Möglichkeiten zurückzubleiben. Aufgaben werden begonnen, aber nicht abgeschlossen. Zeitmanagement fällt schwer. Emotionen wirken intensiver und schwerer regulierbar als bei anderen. Nicht selten steht am Ende die Frage: Könnte das ADHS sein?
Lange Zeit galt ADHS als Störung des Kindesalters. Hyperaktive Jungen im Klassenzimmer prägten das öffentliche Bild. Dass ADHS bis ins Erwachsenenalter fortbestehen kann – und sich dort häufig anders zeigt – wurde erst in den letzten zwei Jahrzehnten stärker wahrgenommen. Inzwischen wissen wir, dass ein erheblicher Teil der betroffenen Kinder auch als Erwachsene weiterhin Symptome zeigt. Dennoch wird die Diagnose oft spät gestellt. Ein Grund dafür liegt in der Anpassungsfähigkeit vieler Betroffener. Nicht jedes Kind mit ADHS war laut oder störend. Manche waren verträumt, andere unauffällig, aber chronisch desorganisiert. Besonders bei Mädchen und bei vorwiegend unaufmerksamer Symptomatik blieb die Problematik häufig unerkannt. Statt einer diagnostischen Einordnung erhielten viele eher charakterbezogene Zuschreibungen. Sie galten als sensibel, chaotisch oder nicht diszipliniert genug.
Im Erwachsenenalter verschieben sich die Anforderungen. Struktur, Selbstorganisation und eigenständige Planung werden zunehmend wichtiger. Während äußere Rahmenbedingungen in der Schulzeit noch Halt geben, verlangt das Studium, der Beruf oder die Elternschaft ein hohes Maß an innerer Steuerungsfähigkeit. Spätestens hier geraten langjährig kompensierte Schwierigkeiten an ihre Grenzen. Viele Betroffene entwickeln über Jahre Strategien, um ihre Defizite auszugleichen – häufig um den Preis hoher innerer Anspannung und Erschöpfung.
ADHS oder Folge moderner Reizüberflutung?
Gleichzeitig stellt sich in unserer Zeit eine berechtigte Gegenfrage: Erleben wir tatsächlich mehr ADHS – oder leben wir in einer Umwelt, die ADHS-ähnliche Symptome begünstigt? Unsere Lebensrealität ist von einer bislang nicht gekannten Reizdichte geprägt. Smartphones begleiten uns vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Soziale Medien arbeiten mit schnellen, algorithmisch optimierten Belohnungszyklen. Kurze Videosequenzen, permanente Neuheit und visuelle Reize konkurrieren um Aufmerksamkeit. Selbst Pausen werden selten reizarm gestaltet. Wartezeiten, die früher Momente innerer Leere boten, werden heute durch Scrollen gefüllt.
Neuropsychologisch betrachtet sind Aufmerksamkeit und Impulskontrolle jedoch keine unbegrenzt verfügbaren Ressourcen. Exekutive Funktionen – also jene Steuerungsprozesse, die Planung, Arbeitsgedächtnis und Selbstregulation ermöglichen – benötigen Regenerationsphasen. Fehlen diese dauerhaft, können Symptome entstehen, die einer ADHS ähneln: erhöhte Ablenkbarkeit, innere Unruhe oder verminderte Frustrationstoleranz. Hinzu kommt, dass digitale Medien das Belohnungssystem stark aktivieren. Schnelle, intensive Reize führen zu kurzfristigen Aktivierungsmustern. Im Vergleich dazu erscheinen langfristige oder monotone Aufgaben deutlich weniger stimulierend. Subjektiv entsteht der Eindruck, man könne sich kaum noch konzentrieren. Tatsächlich reagiert das Gehirn jedoch auf veränderte Umweltbedingungen.
Die Bedeutung einer differenzierten Einordnung
Die entscheidende Frage lautet daher nicht vorschnell: „Habe ich ADHS?“, sondern differenzierter: „Seit wann bestehen diese Muster, und in welchen Kontexten zeigen sie sich?“ ADHS beginnt definitionsgemäß in der Kindheit, auch wenn es damals nicht diagnostiziert wurde. Die Symptomatik zeigt sich in der Regel über verschiedene Lebensphasen hinweg und ist nicht ausschließlich an digitale Nutzung oder aktuelle Belastung gebunden. Wer bereits in der Schulzeit dauerhaft Probleme mit Organisation, Aufmerksamkeit oder Impulsivität hatte, weist häufig ein anderes Muster auf als jemand, dessen Konzentrationsprobleme sich erst in den letzten Jahren unter hoher digitaler Beanspruchung entwickelt haben. Eine verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit dem Thema ADHS im Erwachsenenalter bewegt sich daher zwischen zwei Polen: der Vermeidung vorschneller Pathologisierung und der ernsthaften Anerkennung einer real bestehenden neurobiologischen Störung. Nicht jede Ablenkbarkeit ist ADHS. Aber auch nicht jede langjährige Selbstregulationsproblematik lässt sich allein durch moderne Lebensbedingungen erklären.
In unserer Praxis in Bremen sowie auch in Oldenburg bieten wir eine strukturierte, neuropsychologisch fundierte ADHS-Diagnostik für Jugendliche und Erwachsene an. Ziel ist es, Klarheit zu schaffen – sachlich, differenziert und ohne vorschnelle Zuschreibungen.



