adhs-diagnose-erwachsene-frauen.jpg

ADHS im Erwachsenenalter – Warum die Diagnose manchmal erst mit 40 oder 50 gestellt wird

Viele Menschen verbinden eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) noch immer mit unruhigen Kindern, die nicht stillsitzen können, sich leicht ablenken lassen und Schwierigkeiten in der Schule haben. Doch ADHS ist keine Erkrankung, die ausschließlich im Kindesalter auftritt. Sie kann bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben und sich dabei ganz unterschiedlich zeigen. Manche Menschen erfahren erst mit 40, 50 oder sogar 60 Jahren, dass ihre lebenslangen Schwierigkeiten mit Konzentration, Organisation oder Selbststeuerung möglicherweise auf eine ADHS zurückzuführen sind.

Für viele Betroffene ist diese Erkenntnis überraschend. Schließlich haben sie eine Ausbildung abgeschlossen, studiert, einen Beruf ergriffen, eine Familie gegründet und über Jahrzehnte ihren Alltag bewältigt. Wie kann es sein, dass eine ADHS über so viele Jahre unentdeckt bleibt? Und warum entstehen bei manchen Menschen erst in der Lebensmitte so ausgeprägte Schwierigkeiten, dass sie sich erstmals diagnostisch untersuchen lassen?

Wenn Kompensationsstrategien jahrelang funktionieren

Menschen mit ADHS unterscheiden sich erheblich in ihren Fähigkeiten, Schwierigkeiten und persönlichen Ressourcen. Nicht jede betroffene Person zeigt eine ausgeprägte motorische Unruhe. Gerade im Erwachsenenalter stehen häufig Probleme mit der Aufmerksamkeitssteuerung, Organisation, Handlungsplanung, Impulskontrolle oder emotionalen Selbstregulation im Vordergrund.

Viele Betroffene entwickeln bereits früh Strategien, um ihre Schwierigkeiten auszugleichen. Sie arbeiten mit umfangreichen Listen, kontrollieren ihre Aufgaben mehrfach, bereiten sich besonders gründlich vor oder investieren deutlich mehr Zeit in Tätigkeiten als andere Menschen. Manche entwickeln einen ausgeprägten Perfektionismus, um Fehler möglichst zu vermeiden. Andere schaffen es vor allem unter Zeitdruck, ihre Aufmerksamkeit ausreichend zu mobilisieren, und erledigen wichtige Aufgaben deshalb erst kurz vor Ablauf einer Frist.

Diese Strategien können über viele Jahre erfolgreich sein. Gute schulische oder berufliche Leistungen schließen eine ADHS daher nicht grundsätzlich aus. Entscheidend ist auch, welcher Aufwand notwendig war, um diese Leistungen zu erreichen.

Eine Frau kann beispielsweise über Jahrzehnte beruflich erfolgreich gewesen sein und gleichzeitig das Gefühl haben, ständig gegen das eigene Chaos ankämpfen zu müssen. Vielleicht benötigt sie feste Routinen, arbeitet häufig bis spät in den Abend oder erlebt bereits kleinere Veränderungen ihrer Tagesstruktur als große Belastung. Nach außen erscheint sie organisiert und leistungsfähig. Wie viel Anstrengung sie dafür aufbringen muss, bleibt häufig unsichtbar.

Solche Kompensationsstrategien sind nicht zwangsläufig problematisch. Sie zeigen vielmehr, dass Menschen Wege gefunden haben, mit ihren individuellen Schwierigkeiten umzugehen. Allerdings können sie an ihre Grenzen gelangen, wenn die Anforderungen des Lebens zunehmen oder sich vertraute Strukturen verändern.

Warum ADHS häufig erst in der Lebensmitte auffällt

Eine ADHS entsteht nach heutigem Verständnis nicht plötzlich im Alter von 40 oder 50 Jahren. Es handelt sich um eine neuronale Entwicklungsstörung, deren Symptome bereits in der Kindheit begonnen haben müssen. Allerdings können sich die Auswirkungen im Laufe des Lebens erheblich verändern.

In jungen Jahren bieten Schule, Ausbildung oder familiäre Strukturen häufig einen relativ klaren Rahmen. Später müssen viele Menschen ihren Alltag zunehmend selbst organisieren. Berufliche Verantwortung, Kinder, Haushalt, finanzielle Verpflichtungen und soziale Anforderungen kommen hinzu. Gleichzeitig werden die Möglichkeiten zur Erholung geringer.

Was früher durch feste Routinen, ausreichend Zeit oder Unterstützung ausgeglichen werden konnte, funktioniert unter veränderten Lebensbedingungen möglicherweise nicht mehr.

Ein neuer Arbeitsplatz, eine berufliche Führungsposition, die Geburt eines Kindes, eine Trennung oder die Pflege von Angehörigen können dazu führen, dass bisher erfolgreiche Kompensationsstrategien nicht mehr ausreichen.

Betroffene erleben dann beispielsweise, dass sie sich zunehmend schlechter konzentrieren können, häufiger Aufgaben vergessen, Schwierigkeiten beim Setzen von Prioritäten haben oder sich durch alltägliche Anforderungen schnell überfordert fühlen.

Gerade bei Frauen können auch die hormonellen Veränderungen während der Perimenopause und Menopause eine Rolle spielen. Viele Frauen berichten in dieser Lebensphase über Veränderungen ihrer Konzentration, ihres Gedächtnisses und ihrer emotionalen Belastbarkeit. Wissenschaftliche Arbeiten diskutieren, inwiefern hormonelle Schwankungen bestehende ADHS-Symptome beeinflussen können. Die bisherige Studienlage ist jedoch noch begrenzt. Nicht jede neu auftretende Konzentrationsstörung in den Wechseljahren ist Ausdruck einer ADHS.

Warum ADHS bei Frauen besonders lange unerkannt bleiben kann

Über viele Jahre wurde ADHS vor allem anhand von Verhaltensweisen untersucht und erkannt, die bei Jungen häufiger auffallen. Dazu gehören beispielsweise ausgeprägte motorische Unruhe, impulsives Verhalten und Schwierigkeiten, sich an schulische Regeln anzupassen.

Bei Mädchen und Frauen stehen dagegen häufiger weniger auffällige Symptome der Unaufmerksamkeit im Vordergrund. Sie wirken möglicherweise verträumt, verlieren sich in Gedanken, vergessen Dinge oder benötigen viel Zeit, um Aufgaben zu organisieren. Manche versuchen, ihre Schwierigkeiten durch besondere Anpassung, übermäßige Vorbereitung oder Perfektionismus auszugleichen.

Auch gesellschaftliche Erwartungen können dazu beitragen, dass Schwierigkeiten lange verborgen bleiben. Wer früh lernt, zuverlässig zu funktionieren und die Erwartungen anderer möglichst zu erfüllen, entwickelt möglicherweise einen besonders hohen inneren Leistungsdruck.

Eine systematische Übersichtsarbeit von Attoe und Climie aus dem Jahr 2023 beschreibt, dass Frauen mit spät erkannter ADHS häufig über langjährige Belastungen ihres Selbstwertgefühls, ihrer Beziehungen und ihres emotionalen Wohlbefindens berichten. Gleichzeitig kann eine spätere Diagnose helfen, frühere Erfahrungen neu einzuordnen und mehr Selbstakzeptanz zu entwickeln. Die zugrunde liegenden Studien waren allerdings überwiegend qualitativ und in ihrer Anzahl begrenzt.

Die späte Diagnosestellung bedeutet also nicht zwangsläufig, dass vorher keine Schwierigkeiten bestanden haben. Häufig wurden diese lediglich anders erklärt, nicht erkannt oder durch große persönliche Anstrengung kompensiert.

Welche Rolle die neuropsychologische Diagnostik spielt

Wenn Menschen im Erwachsenenalter erstmals den Verdacht auf eine ADHS entwickeln, ist eine sorgfältige diagnostische Abklärung wichtig. Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, innere Unruhe oder Schwierigkeiten mit der Alltagsorganisation können unterschiedliche Ursachen haben. Sie treten beispielsweise auch bei chronischem Stress, Schlafstörungen, depressiven Erkrankungen, Angststörungen oder hormonellen Veränderungen auf.

Ein einzelner Fragebogen oder ein auffälliger Aufmerksamkeitstest reicht deshalb nicht aus, um eine ADHS sicher festzustellen.

Im Rahmen einer fundierten ADHS-Diagnostik werden die aktuellen Beschwerden, ihre Auswirkungen auf den Alltag und die Entwicklung der Symptomatik seit der Kindheit betrachtet. Standardisierte Fragebögen und strukturierte diagnostische Interviews können helfen, die Beschwerden systematisch zu erfassen. Auch frühere Schulzeugnisse, Informationen aus der Familie oder andere biografische Hinweise können wichtige ergänzende Informationen liefern. Sind keine Grundschulzeugnisse mehr vorhanden, bedeutet dies nicht automatisch, dass eine diagnostische Abklärung unmöglich ist.

Neuropsychologische Untersuchungen können zusätzliche Erkenntnisse über kognitive Funktionen liefern. Dazu gehören insbesondere Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit und exekutive Funktionen. Sie ermöglichen es, bestimmte Leistungen unter standardisierten Bedingungen zu erfassen und individuelle Stärken und Schwierigkeiten differenzierter zu beschreiben.

Allerdings ist dabei eine wichtige Einschränkung zu beachten: Eine ADHS kann weder allein durch neuropsychologische Testergebnisse bestätigt noch durch unauffällige Testergebnisse ausgeschlossen werden. Menschen mit ADHS können in einer strukturierten, reizarmen Untersuchungssituation durchaus sehr gute Leistungen erzielen. Die Schwierigkeiten zeigen sich möglicherweise erst bei komplexeren Alltagsanforderungen, häufigen Unterbrechungen oder einer hohen Anzahl gleichzeitig zu organisierender Aufgaben.

Deshalb ist die neuropsychologische Untersuchung ein möglicher Bestandteil einer umfassenden Diagnostik, nicht aber ihr alleiniger Entscheidungsmaßstab. Auch die deutsche ADHS-Leitlinienarbeit und internationale Empfehlungen betonen die Bedeutung einer ausführlichen klinischen und entwicklungsbezogenen Anamnese sowie die Berücksichtigung möglicher anderer Ursachen der Beschwerden.

Wenn die späte Diagnose hilft, die eigene Lebensgeschichte neu zu verstehen

Für manche Menschen ist eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter mit großer Erleichterung verbunden. Schwierigkeiten, die sie über Jahrzehnte als persönliche Schwäche, mangelnde Disziplin oder fehlende Organisationsfähigkeit interpretiert haben, erhalten plötzlich eine mögliche Erklärung.

Gleichzeitig können auch Traurigkeit, Enttäuschung oder Wut auftreten. Vielleicht entsteht die Frage, warum niemand die Schwierigkeiten früher erkannt hat und ob bestimmte Lebensabschnitte mit mehr Unterstützung leichter gewesen wären.

Eine Diagnose kann die Vergangenheit nicht verändern. Sie kann jedoch helfen, das eigene Verhalten besser zu verstehen und neue Strategien für den Umgang mit alltäglichen Anforderungen zu entwickeln.

Dabei ist es wichtig, nicht jede persönliche Eigenschaft oder Schwierigkeit ausschließlich auf eine ADHS zurückzuführen. Auch Menschen mit ADHS verfügen über individuelle Stärken, Erfahrungen und Fähigkeiten, die weit über die Diagnose hinausgehen.

Eine differenzierte diagnostische Einordnung kann dazu beitragen, Ressourcen bewusster einzusetzen, Belastungen realistischer einzuschätzen und gegebenenfalls geeignete therapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

ADHS-Diagnostik in unseren neuropsychologischen Praxen

In unseren Praxen in Bremen und Oldenburg bieten wir eine strukturierte ADHS-Diagnostik für Erwachsene an. Dabei nehmen wir uns Zeit, die individuelle Lebensgeschichte, die aktuelle Symptomatik und mögliche Zusammenhänge mit Aufmerksamkeit, Organisation und Selbststeuerung zu betrachten.

Ergänzend setzen wir standardisierte diagnostische Verfahren und neuropsychologische Testverfahren ein, um die Beschwerden möglichst differenziert einzuordnen. Besteht der Verdacht auf weitere psychische oder körperliche Erkrankungen, kann eine zusätzliche fachärztliche oder psychotherapeutische Abklärung erforderlich sein. Eine umfassende Abklärung sämtlicher möglicher Differenzialdiagnosen ist nicht Bestandteil unseres diagnostischen Angebots.

Gerade bei einer späten diagnostischen Fragestellung geht es häufig um mehr als die Frage, ob bestimmte Kriterien erfüllt sind. Viele Menschen möchten verstehen, warum ihnen manche Dinge schon immer schwergefallen sind, weshalb ihre bisherigen Strategien plötzlich nicht mehr ausreichen und wie sie ihren Alltag künftig besser gestalten können.

Eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter ist nicht zwangsläufig der Beginn einer neuen Erkrankung. Manchmal ist sie der Beginn eines neuen Verständnisses für die eigene Lebensgeschichte.

Wenn Sie vermuten, dass bei Ihnen eine bislang nicht erkannte ADHS vorliegen könnte, können Sie sich gerne an unser Praxisteam wenden. Unsere ADHS-Diagnostik in Bremen und Oldenburg ist eine Selbstzahlerleistung. Die Kosten werden im Rahmen dieses Angebots nicht von den Krankenkassen übernommen.

1289 860 Neuropsychologie Armgardt