Reizüberflutung in der Adventszeit

Die Adventszeit gilt als stimmungsvoll, warm und verbindend. Gleichzeitig erleben viele Menschen sie als anstrengend und überfordernd. Lichter, Musik, Gerüche, Termine, Erwartungen – alles scheint sich zu verdichten. Was eigentlich Freude machen soll, wird schnell zu viel. Dieses Gefühl von Reizüberflutung ist keine Einbildung, sondern eine natürliche Reaktion unseres Gehirns auf eine hohe Dichte an Eindrücken.

Unser Nervensystem ist nicht dafür gemacht, dauerhaft so viele Reize gleichzeitig zu verarbeiten. Es braucht Wechsel zwischen Aktivität und Ruhe, zwischen Außenwelt und Rückzug. In der Adventszeit fehlen diese Übergänge oft.

Was Reizüberflutung im Inneren auslöst

Jeder Reiz – ob Geräusch, Gespräch oder Gedanke – wird im Gehirn verarbeitet und bewertet. Wenn zu viele Eindrücke gleichzeitig auf uns einwirken, steigt die innere Anspannung. Gedanken werden unruhig, Konzentration fällt schwer, Gefühle wirken schneller überwältigend. Viele beschreiben ein Gefühl von Getriebensein, obwohl objektiv vielleicht gar nicht so viel passiert.

Reizüberflutung zeigt sich nicht nur mental, sondern auch körperlich. Müdigkeit, innere Unruhe, Spannung oder das Bedürfnis, sich zurückzuziehen, sind typische Signale. Sie weisen darauf hin, dass das System eine Pause braucht – keine neue Aufgabe.

Warum gerade die Adventszeit so fordernd ist

In der Adventszeit kommen viele Ebenen zusammen. Neben der äußeren Reizfülle gibt es soziale Erwartungen: präsent sein, funktionieren, Freude zeigen. Hinzu kommen emotionale Themen, Erinnerungen oder das Gefühl, bestimmten Vorstellungen gerecht werden zu müssen.

Viele dieser Anforderungen sind nicht laut, sondern subtil. Genau das macht sie so erschöpfend. Das Gehirn bleibt dauerhaft in Bereitschaft, ohne echte Erholungsphasen zu finden. Die innere Spannung steigt, während die eigene Wahrnehmung oft in den Hintergrund rückt.

Entlastung beginnt mit Erlaubnis

Der erste Schritt aus der Reizüberflutung ist nicht Optimierung, sondern Erlaubnis. Die Erlaubnis, langsamer zu werden. Die Erlaubnis, nicht alles mitzumachen. Die Erlaubnis, Pausen nicht erklären zu müssen.

Schon kleine Veränderungen können spürbare Entlastung bringen. Weniger parallele Reize, bewusst stille Momente oder ein reduzierter Tagesrhythmus helfen dem Nervensystem, wieder in einen ruhigeren Zustand zu finden. Das bedeutet nicht Rückzug von allem – sondern eine bewusste Auswahl.

Kleine Inseln der Ruhe schaffen

Ruhe entsteht nicht automatisch, sie braucht Raum. Kleine Rituale, feste Zeiten ohne Ablenkung oder einfache Wiederholungen geben dem Alltag Struktur. Auch Momente ohne Ziel – einfach sitzen, atmen, wahrnehmen – können überraschend wirkungsvoll sein.

Besonders wichtig ist dabei der Schlaf. Er ist keine Nebensache, sondern die Grundlage dafür, dass Eindrücke verarbeitet und Gefühle reguliert werden können. Wer müde ist, reagiert empfindlicher auf Reize – gerade in einer ohnehin intensiven Zeit.

Weniger außen, mehr innen

Reizüberflutung ist oft ein Zeichen dafür, dass das Außen zu laut geworden ist. Eine ruhigere Adventszeit bedeutet nicht Verzicht, sondern Rückverbindung. Mit dem eigenen Tempo, den eigenen Bedürfnissen und den eigenen Grenzen.

Vielleicht beginnt Entlastung genau dort, wo wir nicht noch mehr aufnehmen – sondern bewusst weniger.

1080 1350 Neuropsychologie Armgardt